Was haben Digitalisierung und das Genossenschaftliche Prinzip gemeinsam?

Drei überraschende Gemeinsamkeiten zwischen traditionellen Genossenschaften und der Digitalisierung

Das genossenschaftliche Prinzip kennen viele: „Was einer allein nicht schafft, der vermögen viele gemeinsam!“ Das hat schon Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einer der Gründerväter der Genossenschaften, vor über 150 Jahren gesagt.

Dieser Grundgedanke ist das Fundament, auf dem alle heutigen Waren- und Kreditgenossenschaften handeln. Mit der Digitalisierung verändern sich die Geschäftsmodelle für große Teile der Wirtschaft. Alle Branchen sind davon betroffen. Auch die Genossenschaften bleiben von der Digitalisierung nicht verschont.

Doch wie können genossenschaftliche, regional ausgerichtete Volksbanken und Raiffeisenbanken ihre Geschäftsmodelle mit der Digitalisierung, die mit Megatrends mit disruptiven Potential daherkommt, weiterentwickelt? Drei Überlegungen hierzu:

1. Big Data = Nützliches Wissen generieren aus vielen Einzelinformationen

Der genossenschaftliche Leitsatz „Was einer allein nicht schafft, das vermögen viele gemeinsam!“ passt exakt für Big Data Anwendungen. Bei Big Data wird aus einer großen Datenmenge durch intelligente Verknüpfung Wissen in einer Qualität generiert, das auf andere Weise nicht hätte gewonnen werden können. Dies funktioniert nicht nur bei mehr oder weniger fragwürdigen Anwendungen sondern – gekoppelt mit KI-Auswertesystemen – inzwischen hervorragend in vielen für die Allgemeinheit nützlichen Bereichen, wie der Medizin. Basierend auf einer Vielzahl von Vergleichsdaten oder der digitalen, KI-gestützten Auswertung von bildgebenden Verfahren können Computer heute in vielen Bereichen (z. B: Mammografie) wesentlich exaktere Diagnosen stellen, als erfahrene Ärzte dies vermögen. Interessante Ansätze im Finanzsektor gibt es bereits mit Crowdfunding Lösungen, On Demand Kreditvergabe oder On Demand Versicherungen. Intelligente Nutzung von Big Data kann den Genossenschaften aber auch helfen, neue, mit der Digitalisierung entstehende Anforderungen und Bedürfnisse der Kunden frühzeitig zu erkennen und das eigene Geschäftsmodell entsprechend anzupassen. Damit sind wir auch schon bei der zweiten Überlegung:

2. Digitalisierung ermöglicht kundenzentrierte Lösungen – Genossenschaften auch

Kreditgenossenschaften sind in ihrer Region verankert. Dadurch können sie eine größere Kundenbindung erreichen, als überregionale, zentral gesteuerte Institute. Mit der regionalen Ausrichtung auf der einen Seite und mit wirtschaftlich starken und bundesweit agierenden Verbundunternehmen im Hintergrund, wie Zentralbank, Versicherung und Investmentgesellschaft auf der anderen Seite wird in doppelter Hinsicht ein Nutzen für die Kunden erreicht: Kundennähe auf der einen und günstige Konditionen für Produkte und Dienstleistungen durch Skalierung auf der anderen Seite.

3. Digitalisierung bedeutet: In der Lage und bereit sein, sich neu zu erfinden

Die Besonderheit der Digitalisierung liegt in der Konvergenz von Technologien, die in der Summe zu disruptiven Veränderungen führen können.
Beispiel: Das Internet gibt es schon lange. mobile Endgeräte (=Handys) ebenfalls: Aber erst die technische Möglichkeit, mit einer großen Bandbreite mobil von überall und mit leistungsfähigen Geräten (fast) kostenlos darauf zugreifen zu können, erst das in der Summe macht den Weg frei für neue digitale Lösungen und Geschäftsmodelle. Auch die Genossenschaften haben sich in den vergangenen 150 Jahren mehrmals neu erfinden müssen. Ins Leben gerufen im Zeitalter der industriellen Revolution, hat der Eintritt in das Computerzeitalter in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderte bereits die Geschäftsmodelle und Prozesse der Banken gewaltig umgewälzt. Heute haben sich Genossenschaften mit der digitalen Revolution auseinander zu setzen.

Digitalisierung im Maler-Handwerk – wie ein Handwerksmeister aus Wiesbaden 84 Prozent seiner Umsätze über das Internet generiert

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag von Volker Geyer über die Internet Strategie seines Handwerksunternehmens. In dem lebendigen Vortrag erläuterte er die Elemente seines Online-Marketings. Mit einem Live-Einblick auf seine Webseite www.malerische-wohnideen.de zeigte Volker Geyer, wie er die verschiedenen sozialen Medien als aktiven Kommunikationskanal zu seinen Interessenten nutzt.

Die Besucher seiner Internetseite erhalten mit zahlreichen Blog-Beiträgen Einblicke in die Arbeitswelt von Volker Geyer und seiner Mitarbeiter. Auf diese Weise repräsentiert er sein Unternehmen authentisch und lebendig im Internet.

Darüber hinaus nutzt Volker Geyer seine Internetpräsenz als Plattform für
Empfehlungsmarketing und lädt seine Besucher im Blog zum Dialog ein.

Der durchschlagende Erfolg seiner Online-Strategie hat sich bis ins
EU-Parlament herumgesprochen: 2011 wurde der Querdenker und Visionär Volker Geyer als Sprecher zur KMU-Woche nach Brüssel eingeladen:
www.malerische-wohnideen.de/blog/mein-unglaubliches-erlebnis-bei-der-kmu-woche-2011-in-bruessel.html.

Ich finde, die „malerischen Wohnideen“ von Volker Geyer sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Unternehmen die Herausforderungen der Digitalisierung annimmt und dadurch enorm profitiert.

Nicht die Digitalisierung macht den Mittelstand kaputt …

… sondern Unternehmensstrukturen mancher etablierten Unternehmen, die das Schritthalten mit den zunehmend rasanten digitalen Entwicklungen erschweren.

Neue Unternehmensform Startup?

Mit der Digitalisierung taucht eine scheinbar neue Unternehmensform auf: Startups schießen derzeit in vielen Branchen wie Pilze aus dem Boden und mischen mit disruptiven Geschäftsmodellen etablierte Märkte auf.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen neuen Unternehmenstypus, sondern um den Entwicklungszustand eines Unternehmens in einem jungen Stadium.

Dieses junge Startup Unternehmen hat nur ein Ziel: die nachhaltig erfolgreiche Vermarktung seines neuen Produktes oder seiner Dienstleistung schnellstmöglich unter Beweis zu stellen.

Egal ob das Budget für die Businessentwicklung von einem Investor stammt oder eigene Mittel eingesetzt werden: es gilt keine Zeit zu verlieren. Denn Zeit ist Geld – und das kann hier getrost wörtlich genommen werden. Venturekapitalgeber verknüpfen mit der Geldspritze strenge zeitliche Vorgaben. Werden die nicht erfüllt, schließt sich der Geldhahn.

Aus diesen Zwängen sind Lean Startup Methoden entstanden, die im Kern eines gemeinsam haben: radikaler Fokus auf das Wesentliche mit dem Ziel, schnellstmöglich die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells zu evaluieren oder so lange zu modifizieren, bis es funktioniert.

Clash of Business Cultures

Der Versuch, Lean Startup Techniken in etablierten Unternehmen einzusetzen, führt oft unweigerlich zur Kollision mit den bestehenden Geschäftsprozessen. Exemplarisch sei hier die frühe Beteiligung von Kunden an dem Entwicklungsprozess genannt. Viele Entwickler hüten ihre Produktideen und halten sie so lange wie möglich geheim, um sie vor Nachahmern zu schützen. Erst wenn die Produktentwicklung abgeschlossen ist, geht man mit dem neuen Produkt an den Markt … und dabei nicht selten am Bedarf vorbei.

Ganz anders bei einem Lean Startup: hier wird der Kunde so früh wie möglich, lange bevor das Produkt überhaupt verfügbar ist, einbezogen und befragt. Die Ergebnisse der gezielten Kundenbefragung fließen direkt in die Produktentwicklung ein.

In seinem Buch „Democratizing Innovation“ hat Eric von Hippel (Professor of Management of Innovation and Head of the Innovation and Entrepreteurship Group am Massachussetts Institute of Technology) gezeigt, dass mit Innovationen, die unter Mitwirkung von Kunden entstanden sind, 8 mal mehr Umsatz generiert wird, als bei Entwicklungen ohne Kundenbeteiligung.

Netzwerk von Ideengebern im Unternehmen

Aber auch die besten Ideengeber, die eigenen Mitarbeiter, werden in vielen Unternehmen zu wenig am Ideenentwicklungsprozess beteiligt. Ein betriebliches Vorschlagswesen ist das eine, den Mitarbeitern abteilungsübergreifend die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen auszutauschen und zu diskutieren, sich zu vernetzen, ist eine Chance für Unternehmen, einen großen Ideenfundus zu heben und Synergien zu stiften. Dazu gehört aber auch, unorthodoxe Vorschläge nicht gleich zu „beerdigen“, sondern mit Lean Methoden diese Ideen auf Brauchbarkeit abzuklopfen.

Natürlich lässt sich ein etabliertes Unternehmen nicht mit einem Startup vergleichen. Beim Startup konzentriert sich alles darauf, das Geschäftsmodell am Markt zu testen, und so lange zu modifizieren, bis es funktioniert. Wird das nicht erreicht, verschwindet ein Startup schnell wieder von der Bildfläche. Etablierte Unternehmen werden verständlicherweise nicht alles auf eine – neue – Karte setzen können. Viele Angestellte erwarten am Monatsende ihr Gehalt. Kein Manager wird den laufenden Geschäftsbetrieb vernachlässigen können.

Dennoch sollten sich Unternehmen, die von der Digitalisierung betroffen sind, Freiräume schaffen, in denen sie sich immer wieder neu erfinden können und mit der zunehmend rasanten digitalen Entwicklung Schritt halten können.